Das Gorham-Stout Syndrom

Was ist das Gorham-Stout Syndrom?

Das Gorham-Stout Syndrom ist ein äußerst seltenes Knochenleiden mit unbekannter Ätiologie, gekennzeichnet durch eine unkontrollierte Proliferation von geweiteten dünnwandigen Blutgefäß- oder Lymphgefäßkanälen im Knochen. Das führt zu einer Knochenresorption und der Ersetzung von Knochen durch Angiome bzw. Fibrosen.1, 2 Aufgrund des Verlusts des betroffenen Knochenteils wird dieses Leiden auch als „Krankheit der verschwindenden Knochen“ oder „massive Osteolyse“ bezeichnet. In der medizinischen Terminologie bedeutet Osteolyse: Auflösung oder Zerstörung (Lyse) der Knochen (Osteo).

 

Der Fall von Herrn Brown

Der erste bekannte Fallbericht dieses Leidens wurde 1838 in einem Artikel mit dem Titel „A Boneless Arm“ (ein Arm ohne Knochen) in dem damaligen „The Boston Medical and Surgical Journal“, heute „The New England Journal of Medicine“ erwähnt.3 Mehr erfahren

 

1954 veröffentlichten Gorham und drei andere Kollegen eine Studie über zwei Fälle mit einem kurzen Überblick über 16 ähnliche Fälle aus der medizinischen Fachliteratur. In dieser Studie wurde die Hypothese aufgestellt, dass die Angiomatose für diese Form von ungewöhnlicher Osteolyse verantwortlich war.8

 

Im selben Jahr präsentierten Gorham und Stout der American Association of Physicians eine Zusammenfassung ihrer Abhandlung „MASSIVE OSTEOLYSIS (ACUTE SPONTANEOUS ABSORPTION OF BONE, PHANTOM BONE, DISAPPEARING BONE): Its Relation to Hemangiomatosis“ („Massive Osteolyse (spontane Knochenresorption, Phantomknochen, verschwindende Knochen): ihre Beziehung zur Hämangiomatose“).1 Die Studie wurde im Oktober 1955 in ihrer Gesamtheit in „The Journal of Bone and Joint Surgery“ veröffentlicht, und zwar mit der folgenden Schlussfolgerung:

 

  1. „Nun existieren die Voraussetzungen für die Bestimmung eines neuen Syndroms. Diese basieren auf der beträchtlichen Ähnlichkeit der klinischen Ergebnisse und der Röntgenergebnisse von 24 Fällen, sowie auf der ebenso überzeugenden Ähnlichkeit zwischen den histologischen Abbildungen von 8 von diesen Fällen, die wir persönlich analysiert haben.
  2. Wie auch immer sie auftritt, die progressive Osteolyse ist immer mit der Angiomatose der Blut- und manchmal der Lymphgefäße verbunden, die anscheinend dafür verantwortlich sind.

 

Die häufigste Form ist die Osteolyse eines einzelnen Knochens oder der Knochen, die durch ein gemeinsames Gelenk verbunden sind, wie z. B. der Schulter. Auch wenn diese Krankheit jeden Knochen angreifen kann, ist die Schulter, zusammen mit dem Schädel und dem Beckengürtel, einer der am häufigsten betroffenen Bereiche. Oft treten spontane Knochenbrüche auf, sie können ein erstes Anzeichen für die Krankheit darstellen.9 Typisch für die Krankheit ist auch, dass der Knochen nach einem Bruch nicht heilt.

 

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Wovon wird das Gorham-Stout-Syndrom verursacht?

Die spezifische Ursache des Gorham-Stout-Syndroms ist noch weitgehend unklar.

 

Ein bemerkenswerter Prozess der Zerstörung und Erneuerung des Knochengewebes sorgt normalerweise für Knochenmasse und -stärke, was während der gesamten Lebensdauer eines Menschen auf Zellniveau passiert. Zellen, die Osteoklasten genannt werden, sondern Enzyme ab, die das alte Knochengewebe zerstören und einer anderen Art von Zellen, den sogenannten Osteoblasten, erlauben, neues Gewebe zu bilden. Mit Ausnahme der Knochen in der Wachstumsphase entspricht die Zerstörungsrate der Aufbaurate. Die Knochenmasse bleibt deshalb unverändert. Bei dem Gorham-Stout-Syndrom ist dieser Prozess deutlich gestört.1, 2, 8, 9, 10, 11

 

Gorham und Stout entdeckten, dass vaskuläre Anomalien immer den Bereich besetzen, den neues Knochengewebe unter normalen Bedingungen füllen würde, und sie vermuteten, dass die Präsenz der  Angiomatose chemische Veränderungen im Knochen verursachen könnte.1, 8 Gorham und andere nahmen an, diese chemische Veränderungen könnten ein Ungleichgewicht zwischen der Osteoklasten- und der Osteoblastenaktivität verursachen, so dass mehr Knochengewebe aufgelöst als erzeugt wird.8 Seit den 90er Jahren wurden Fälle veröffentlicht, bei denen hohe Level eines Proteins namens Interleukin-6 (IL-6) bei  den an dieser Krankheit leidenden Patienten gefunden wurden, was einige Forscher dazu gebracht hat, anzunehmen, dass die höheren IL-6-Level und der höhere vaskuläre endotheliale Wachstumsfaktor (VEGF) zu den chemischen Veränderungen beitragen, die laut Gorham und anderen die Grundlage für diese Art von Osteolyse bilden.9, 13

 

Im Jahr 1999 gelangten Möller und seine Kollegen9 zu folgender Schlussfolgerung: „Das Gorham-Stout-Syndrom kann grundsätzlich als monozentrische Knochenkrankheit bezeichnet werden, mit örtlich erhöhter Knochenresorption aufgrund einer größeren Anzahl von parakrin bzw. autokrin stimulierten überaktiven Osteoklasten. Der resorbierte Knochen wird durch ein deutlich vaskularisiertes Fasergewebe ersetzt. Der scheinbare Widerspruch bezüglich der An- oder Abwesenheit, oder der Anzahl von Osteoklasten, kann durch die verschiedenen Phasen des Syndroms erklärt werden“. Außerdem wiesen sie darauf hin, dass ihre histopathologische Studie konkrete Beweise dafür geliefert hatte, dass die bei der Gorham-Krankheit beobachteten Veränderungen das Resultat der überaktiven Osteoklasten im Knochen waren. Andere kommen jedoch zu dem Ergebnis, dass Lymphangiomatosis und das Gorham-Stout-Syndrom als Spektrum derselben Krankheit und nicht als zwei separate Erkrankungen betrachtet werden sollten.18

 

Während Einigkeit darüber besteht, dass das Gorham-Stout-Syndrom durch eine gestörte Osteoklastenaktivität verursacht wird,1, 8, 9, 11 gibt es auf der anderen Seite keine schlüssigen Beweise für die Ursachen dieses gestörten Verhaltens.

 

Wer leidet am Gorham-Stout-Syndrom?

Die Gorham-Krankheit ist äußerst selten und kann in jedem Lebensalter auftreten, obwohl sie am häufigsten bei Kindern und Jugendlichen erkannt wird. Diese Krankheit betrifft sowohl Männer als auch Frauen jeder Herkunft und weist kein definiertes Vererbungsmuster vor. Die medizinische Fachliteratur beinhaltet Fallbeispiele aus allen Kontinenten. Da sie so selten ist und oft falsch diagnostiziert wird, weiß man nicht genau, wie viele Menschen von dieser Krankheit betroffen sind. In der Literatur wird oft behauptet, dass die Anzahl der Fälle niedriger als 200 ist. Trotzdem sind sich immer mehr Leute darüber einig, dass es auf der Welt viel mehr Fälle gibt, als berichtet wurde.

 

Referenzen

 

Quelle: www.lgdalliance.org (5. April 2016)